Grenzzäune suggerieren, hier beweise der Staat Handlungsfähigkeit. Die Wirkung ist aber nicht die, die von ihnen behauptet wird. (Bild: Bőr Benedek, WW BY-SA 2.0, via Wimimedia Commons)
Grenzzäune suggerieren, hier beweise der Staat Handlungsfähigkeit. Die Wirkung ist aber nicht die, die von ihnen behauptet wird. (Bild: Bőr Benedek, WW BY-SA 2.0, via Wimimedia Commons)
Stilkritik (146) | Es sieht so aus, als bekämen wir bald eine Regierung mit einer Koalition, die vor nicht allzulanger Zeit "große" genannt worden ist. Doch sie besteht nicht nur aus CDU/CSU und SPD: Bereits bevor die neue Regierung im Amt ist, haben die Grünen mitregiert. Stichwort Schuldenbremse und Sondervermögen: Baldkanzler Merz hat das Gegenteil dessen getan, was er vor der Wahl versprochen hat. Bei anderen Themen werden wir nicht so viel Glück haben.
Stellen Sie sich vor, Sie würden in der Zeitung in einem Text über die Wohnungsproblematik folgenden Satz lesen: „Sobald junge Menschen ihr Abitur gemacht haben, ziehen die meisten von ihnen zum Studieren in die Städte und konkurrieren dort mit Geringverdienern und Bürgergeldempfängern um bezahlbaren Wohnraum.“ Sie würden vermutlich denken, dass das ja ein normaler Prozess ist und der Wohnungsmarkt demnach grundsätzliche Defizite aufweist, wenn die Menschen, die nun gerne ein Studium beginnen wollen, die Leidtragenden sind. Und dass man diese Defizite beheben muss, weil junge Menschen für die Zukunft unseres Landes wichtig sind. Und dass man Studierende nicht gegen Geringverdienende ausspielen darf. So in der Art.Falsche Unterscheidungen
Aber so werden bei uns die Diskussionen über Migration leider geführt: Als sei es ein isolierbares Thema, das mit anderen nicht verwoben wäre. Als sei Migration eben vor allem ein Problem. Im Falle des Wohnungsmarkts ist es genauso. Wir haben nicht zu wenig bezahlbaren Wohnraum, weil Migrant:innen auch Wohnraum brauchen. Wir haben in den letzten Jahren durchweg mehr Wohnungen gebaut, als die Bevölkerungszahl gestiegen ist. Von 2010 bis 2021 ist der Bestand an Wohnungen je 1000 Einwohnenden von 495 auf 518 gestiegen.3 Migrant:innen und Menschen mit Migrationshintergrund wohnen auf deutlich kleinerer Fläche als Menschen ohne Migrationshintergrund.4 Das zeigt, dass das Problem des Wohnraums auf anderer, struktureller Ebene zu suchen ist. Die Anzahl der Sozialwohnungen sinkt beispielsweise rapide, weil mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen als neue hinzukommen. Es ist also perfide zu suggerieren, und sei noch so unterschwellig, Migrant:innen wären ein Problem. Wir brauchen die Migrant:innen. Sie können nichts für die Fehler, die auf dem Wohnungsmarkt gemacht worden sind. Genausowenig wie alle anderen auch.
Das Sondierungspapier
Aus der Kampagne "Stell dir vor..." des Blogs Volksverpetzer. Die Quellen zum Plakat sind hier zu finden >>> (Bild: © Volksverpetzer)
Aus der Kampagne "Stell dir vor..." des Blogs Volksverpetzer. Die Quellen zum Plakat sind hier zu finden >>> (Bild: © Volksverpetzer)
Das letztlich wirklich Schlimme an der ganzen Diskussion ist aber nochmal ein anderes. Menschen wollen in der Gesellschaft respektiert werden. So wie sie sind. Sie wollen es nicht, obwohl sie Migrant:innen sind, aber eigentlich auch nicht, weil sie Migrant:innen sind. Ob sie Migrant:innen sind oder nicht, darf einfach keine Rolle spielen, wenn der Respekt echt und ehrlich sein soll. Sie dürfen nicht diskriminiert werden, genauso wenig wie auch sonst niemand diskriminiert werden darf. Nicht in der Schule, nicht auf dem Arbeitsmarkt, nicht bei der Wohnungssuche. Nirgends. Indem wir viel zu oft Probleme, die wir haben, mit Migration verknüpfen, erzeugen wir erst das Problem, das man dann mit aufwendiger Rhetorik oder viel Geld oder beidem zu lösen vorgibt. Gelöst wird damit aber ziemlich wenig – und Rechtsextreme werden gestärkt.
Migration ist immer
Das ist der eigentliche Erfolg von AfD und Co: dass wir, ohne dass es noch eines krakeelenden Rechtsradikalen bedarf, mit Migration verknüpfen, was nichts mit ihr zu tun hat – und sei es, um den Zusammenhang zu widerlegen. Es ist ein Erfolg der AfD, wenn immer betonen müssen, dass die Kriminalität in den letzten Jahren gesunken ist, auch wenn die Migration zunahm. Der Zusammenhang ist dann schon in den Köpfen. Wahrscheinlich wurde wegen der inzwischen reflexhaften Problematisierung von Migration über das Attentat von Mannheim nur halb so viel berichtet wie über den von Magdeburg.8 Der Diskurs ist verschoben, und das ist schlecht so. Wir sprechen nicht über die mehr als 25.000 rechtsextreme Straftaten von 2023.9 Nicht über die Steuerhinterziehung, die einen Schaden von um die 100 Milliarden je Jahr verursacht.10 Wir sind den Populisten in die Falle gegangen. Und tun es weiter, solange wir Probleme nicht auf ihre strukturellen Zusammenhänge untersuchen, sie nicht dort behandeln, wo sie entstehen. Auf dem Wohnungsmarkt zum Beispiel. Es ist eigentlich das, was man von einer Regierung erwartet. Was das angeht, ist der Start der noch nicht einmal amtierenden Regierungskoalition schon gründlich daneben gegangen.
Das ist es mir wert
- 1: Judith Lembke: Fatales Schweigen zur Wohnungsfrage. FAZ, 15. 2. 2025 >>>
- 2Reiner Burger, Rüdiger Solt: Strukturelle Überforderung. FAZ, 1. 2. 2025 >>>
- 3https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/Publikationen/Downloads-Wohnen/fortschreibung-wohnungsbestand-pdf-5312301.pdf?__blob=publicationFile
- 4https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/bevoelkerung-migstatus-typ-wohnflaeche.html
- 5https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Sonstiges/20250308_Sondierungspapier_CDU_CSU_SPD.pdf
- 6Hein de Haas: Migration. Frankfurt am Main 2023. Das Buch ist zur vertiefenden Lektüre wärmstens empfohlen. Unter anderem zeigt de Haas, dass Einwanderung nur gesenkt (aber nicht verhindert) werden kann, wenn wir unser bisheriges Wirtschaftssystem ändern.
- 7https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1172183/umfrage/budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex/
- 8https://www.fr.de/panorama/analyse-medieninteresse-nach-mannheim-halb-so-gross-wie-nach-magdeburg-und-muenchen-zr-93613823.html
- 9https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/rechtsextremismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html#doc679030bodyText2
- 10https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-steuerhinterziehung-kostet-100-milliarden-5391.htm