Blick über das Gelände mit der Skulptur 36cubus. (Bild: Peter Noever)
Blick über das Gelände mit der Skulptur 36cubus. (Bild: Peter Noever)
Ein Ort, der ohne Hindernisse und für jeden erreichbar ist, birgt wenig Geheimnisvolles. Sitzt man aber in einem Bus, vor dessen Fenstern die Fabrikschornsteine der Wiener Peripherie in sanfte Hügel mit Karomuster übergehen, verspricht der Ausflug eine besondere Erfahrung: Die einer Verbindung von Architektur, Landschaft, Natur und Zeit.
Der Bus hält in Eisenstadt im österreichischen Burgenland, wo die Architekturgalerie Raumburgenland bis zum 20. Mai 2022 in der Ausstellung „out of the blue“ das Land-Art-Projekt „Die Grube“ des Kurators und Designers Peter Noever zeigt. Kernstück der Ausstellung ist ein großflächiges Landschaftsmodell. Auf diesem streuen sich, ausgehend von einer kreisrunden Vertiefung, architektonische Interventionen als Stahl. Eine Topografie ohne Maßstab. Verrieten nicht die Bilder im zugehörigen Katalog, dass sich eine lebensgroße Entsprechung des Modells wenige Kilometer entfernt in einem ehemaligen Bergwerk wiederfinden lässt, könnte es sich ebenso gut um eine Mondlandschaft handeln. Viele Neugierige werden sich mit diesem eigentümlich abstrakten Eindruck zufriedengeben müssen. Das Gelände, in das Peter Noever seit nahezu fünfzig Jahren seine architektonische Kunst webt, steht Besucher:innen nur selten offen. Glücklicherweise ist die Ausstellungseröffnung ein solcher Anlass.
Ausstellungsansicht (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
Ausstellungsansicht (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
Sparsame Auskünfte
Kernstück der Ausstellung: das Landschaftsmodell. (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
Kernstück der Ausstellung: das Landschaftsmodell. (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
Ins Blaue hinein
Die Grube, Perspektive vom Weinkeller. (Bild: Hanna Sturm)
Die Grube, Perspektive vom Weinkeller. (Bild: Hanna Sturm)
Wenn Peter Noever etwa einmal im Monat das Gelände besucht, wohnt er im Würfel, der durch einen Tunnel mit dem Weinkeller verbunden ist. Die Skulptur, die kein Haus sein will, stellt in ihrer spartanischen Einrichtung die Spuren des Wohnens aus. Eine Kaffeekanne auf einem schlichten Küchenblock aus Beton. Benutze Tassen im Spülbecken, aufgeschlagene Bücher auf dem Tisch.
Luftbild der Sitzgruben von Walter Pichler (Bild: Peter Noever)
Luftbild der Sitzgruben von Walter Pichler (Bild: Peter Noever)
Zeitfragen
Luftansicht „Die Grube“. (Bild: Peter Noever)
Luftansicht „Die Grube“. (Bild: Peter Noever)
36cubus, Detail (Bild: Hanna Sturm)
36cubus, Detail (Bild: Hanna Sturm)
„Ich denke, dass vieles in der Architektur deshalb scheitert, weil man in einem Augenblick alle Dinge lösen will. Das funktioniert aber nicht. Man muss natürlich nicht dreißig Jahre lang an einem Haus bauen. Wenn es aber doch möglich ist, dann ist das schon eine Art Luxus und man kommt zu anderen Ergebnissen. Das geht dann ganz automatisch. Man sagt sich: Das müsste man jetzt hier oder das dort…und so weiter“, so Peter Noever in einem im Ausstellungskatalog dokumentierten Gespräch mit dem österreichischen Architekten Klaus Jürgen Bauer.
Die Sehnsucht, die diese über lange Jahre gewachsene Wechselbeziehung zwischen Ort und Architekt auslöst, illustriert, wie weit sich die Wunschvorstellung eines „freien Entwurfs“ von den Bedingungen des Bauens entfernt hat. Wettbewerbskriterien müssen erfüllt, Kosten und Zeitpläne eingehalten und ermüdend dicke Bauordnungen berücksichtigt werden. Auch in den 70er Jahren war „Die Grube“ bereits ein Versuch, den Konventionen des Bauens zu entkommen. Heute jedoch, wo die voranschreitende Zerstörung der Umwelt unhinterfragtes Neu-Bauen moralisch unmöglich macht, wirkt die Freiheit, die Peter Noever und „Die Grube“ verkörpern, wie ein verlorenes Gut.
Diese Freiheit trifft den Kern eines Konflikts meiner Generation, die versucht, den puristischen Betonikonen ihrer Vorgänger abzuschwören, während sie gleichzeitig ihrem Zauber erliegt. Jede Pilgerfahrt zur Bruder-Klaus-Kapelle Peter Zumthors vertieft diese Kluft zwischen Wollen und Sollen ein wenig mehr. Aber warum bleibt in der „Grube“ die sonst damit einhergehende Mischung aus Ärger und Neid aus? Es liegt an der Anwesenheit des Künstlers, an der Zärtlichkeit, die seiner Verbindung zum Ort innewohnt. Gerade im Hinblick auf die Herausforderungen der Zukunft gilt es diese Beziehung in der eigenen Gedanken- und Gedächtniskarte festzuhalten, weil sie im Gegensatz zu atmosphärischem Sichtbeton, einen existenziellen Raum der Zuwendung, der Verantwortung und gegebenenfalls des Widerstandes (*) zu öffnen vermag.
Peter Noever. (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
Peter Noever. (Bild: studio no/ever design / Manuel Hauer)
(*) Tomáš Valena, Beziehungen – Über den Ortsbezug in der Architektur. Berlin 1994, S.174
Die Ausstellung "out‾of the blue – Art + Architecture Out There" ist bis zum 20. Mai 2022 in der Architekturgalerie RAUMBURGENLAND contemporary, Fanny-Elßler-Gasse 4, 7000 Eisenstadt (A) zu sehen. Weitere Information >>>
Publikation: Peter Noever: Art + Architecture Out There. Schlebrügge.Editor Verlag, Wien, 2021 >>>