Stilkritik (40): Eine Forschungsvorbereitung für die Universität Stuttgart führte die Autorin im Sommer 2017 nach Bosnien, an die Universität Sarajevo, wo sie aktuelle Lehrpositionen kennenlernte. Es wird in diesem religiös und kulturell sehr heterogenen Land beispielsweise darüber diskutiert, ob es gilt, an eine bosnische Moderne oder an ältere Traditionen anzuknüpfen – Gedanken zu einem bosnisch-deutschen Austausch.
Zeugnisse verschiedener Zeiten in Srebrenik (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Zeugnisse verschiedener Zeiten in Srebrenik (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Der Europäische Melting Pot
Blick auf die Burg Srebrenik (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Blick auf die Burg Srebrenik (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Ping-Pong der Nationen
Auch die jüngere Landesgeschichte verlief weiterhin wechselhaft. Nach dem Tod des charismatischen und wohl auch deshalb vielverehrten Staatspräsidenten Tito (aka. Josip Broz, 1892-1980) wurde die Spannung überdeutlich, die auf der Föderation Jugoslawien lag und gipfelte in einem grausamen, dreijährigen Krieg, der nur durch das zu späte Eingreifen der UN beendet werden konnte.
Big Brother is watching you
Und auch finanziell ist das Land alles andere als unabhängig. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges waren verheerend, wichtige Firmen verließen das Land und sind bis heute nicht zurückgekehrt. Deshalb ist man auf die finanzielle Unterstützung von Investoren aus dem Ausland angewiesen. Diese kommen gegenwärtig meist aus Saudi-Arabien oder anderen islamischen Ländern. So wurde zum Beispiel der Shopping-Koloss BBI Centar in Sarajevo mit dem Versprechen gebaut, die kleinen Läden, die sich auf dem Gelände befanden, in dem neuen Komplex unterzubringen. Als das Gebäude stand, wurde vorgegeben, dass niemals solch eine Abmachung getroffen sei. Mittlerweile gibt es sogar Gated Communities in den bosnischen Bergen, in die Bosnier nur eingelassen werden, wenn sie dort als Hausmeister, Sicherheitsleute oder Hilfskräfte arbeiten.
Das BBI Centar in der Innenstadt von Sarajevo (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Das BBI Centar in der Innenstadt von Sarajevo (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Wer wir sind
Architekturgeschichte
Diese Kulturfrustration oder Identitätskrise bezog und bezieht sich auch auf die bosnische Architektur. Immer wieder wurde mir im Gespräch mit den Professoren und Mitarbeitern der Univerzitet u Sarajevu – Amra Salihbegović (Lehrstuhl für Entwurf), Amir Čaušević (Lehrstuhl für Baukonstruktion), Lemja Akšamija (Lehrstuhl für Architekturtheorie und Bauen im Bestand), Nerman Rustempašić (Lehrstuhl für Bautechnik) und Aida Idrizbegović-Zgonić (Lehrstuhl für Architekturgeschichte) – erklärt, welche drei wichtigen Epochen ihre Architektur und Kultur geprägt haben, die es in den Ausführungen mediterran, alpin und kontinental gebe.
Die osmanische Periode (1435-1878) Moscheen, Koranschulen und Hamams wurden aus lokalem Naturstein gebaut, während Karawansereien, Basare und das typische Hofhaus aus Holz und Lehmziegeln errichtet wurden. Sie waren reichlich verziert mit arabesken Mustern. Der Wohnkomfort war durch einen hohen technischen Standard auf einem sehr guten Level.
Die österreich-ungarische Periode (1878-1918) Es wurden maßgeblich die städtebaulichen Strukturen verändert. Alte ein- bis zweigeschossigen Gebäude wurden durch neue, deutlich höhere Gebäude ersetzt. Es wurde im klassizistischen oder historistischen Stil aus Stein gebaut. Lediglich die überhohen Türen, Fenster und Innenräume waren aus Holz. Teilweise wurden arabeske Motive aufgegriffen.
[Sowjetische] Moderne (1945-1992) Mit modernen Materialien wie Beton und Glas wurden Wohnblöcke, Regierungsinstitutionen und Geschäftsgebäude gebaut. Anfangs im modernen internationalen Stil, ab Mitte der 1970er-Jahre in einer postmodernen Interpretation desselben.
Das Papageien-Haus ist jünger als man denkt: Bauzeit 1988 - 1990 (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Das Papageien-Haus ist jünger als man denkt: Bauzeit 1988 - 1990 (Bild: iek, Universität Stuttgart, 2015)
Eine Idee
Wie wäre es beispielsweise mit einem modernen Hamam? In Höhe und Form an die klassizistischen Wohnhäuser angepasst, die Wände aus holzgeschaltem Beton, der Boden aus dunklem, bosnischen Galit. Durch große Glasfassaden könnte man den Blick über die Hänge der umgebenden Berglandschaft schweifen lassen. Außen würde ein schlichtes arabeskes Ornament die drei Meter hohe Holz-Eingangstür schmücken.
Es gilt hier, den ersten Schritt zu tun – der vielen Schritten aus der Vergangenheit folgt. Mut zu haben und auf die Kraft der Fantasie im Zusammenwirken mit Vernunft zu vertrauen.