Vorarlberger "Schule"
Doch was zeichnet das Bauen hier aus? Woran spürt man, dass man sich nicht im Saarland oder in der Lausitz befindet, wo doch die Globalisierung auch architektonisch alle Unterschiede gnadenlos einebnet?
Zunächst fällt ein ungeniertes Nebeneinander zwischen den vorhandenen traditionellen Häusern und den modernen Neuankömmlingen auf. Vielleicht sollte man Herrn Kickl von der FPÖ einmal darauf hinweisen, dass beim Bauen die Migration längst mustergültig gelöst wird. Und während man in Deutschland einen Sichtbetonwürfel in einer dörflichen Ortsranderweiterung als Fremdkörper betrachtet, auf einen intellektuellen Bauherrn aus der Stadt tippt oder das eigene Haus eines Architekten und fragt, wie denn „sowas“ genehmigt werden konnte, ist es im Bregenzer Wald der Normalfall.
Bereiter Architekten, Haus in Lochau (Bild: Bereiter Architekten)
Bereiter Architekten, Haus in Lochau (Bild: Bereiter Architekten)
Heißt konkret?
Montforthaus in Feldkirch von Hascher Jehle mit Mitiska Wäger (Foto: Petra Rainer)
Montforthaus in Feldkirch von Hascher Jehle mit Mitiska Wäger (Foto: Petra Rainer)
Eine andere häufig zu sehende Lösung sind liegende Fensterbänder, die die Fassade nicht zerschneiden, sondern durch ihre schlanke Dimension der tragenden Wand aus Brüstung und Sturz den Vorrang lassen und sie als puristisches Ornament rhythmisieren. Ein Klassiker bereits: die umgebaute Raiffeisenbank von Baumschlager Eberle in Bregenz. Man darf diese Fenster-Lösung als gelungenes Gegenstück zu den bei uns populären Barcode-artigen Naturstein-Schraffuren betrachten, die unter der Schirmherrschaft von Max Dudler entstanden sind.
Hotel Johann mit Restaurant in Lauterach von Ludescher + Lutz. Ohne Innenbeleuchtung wirkt die Fassade über die gesamte Fläche homogen und geschlossen. (Foto: Ludescher + Lutz Architekten ZT GmbH)
Hotel Johann mit Restaurant in Lauterach von Ludescher + Lutz. Ohne Innenbeleuchtung wirkt die Fassade über die gesamte Fläche homogen und geschlossen. (Foto: Ludescher + Lutz Architekten ZT GmbH)
Verwaltungsgebäude der Gebrüder Weiss in Lauterach von Cukrowicz Nachbaur Architekten (Bild: Architekten)
Verwaltungsgebäude der Gebrüder Weiss in Lauterach von Cukrowicz Nachbaur Architekten (Bild: Architekten)
Selbst die Supermärkte, die man als festzeltartig aus Fertigteilen errichtete Warenlager kennt, erfahren in Vorarlberg eine besondere Zuwendung. Die architekturaffine M-Preis-Kette ist nur viermal vertreten, aber auch viele Spar-Filialen können sich sehen lassen. Sie stehen als individuell entworfene Kubaturen in den Orten, mit großen Fenstern und vergrautem Holz zeigen sie ihre regionale Legitimation; innen gibt es keine billigen Weichfaserplatten-Decken, ihr hoher Verkaufsraum ist rundum mit Seekiefertafeln ausgeschlagen. So wird man belohnt, wenn man beim Wareneinsammeln und Preisevergleichen das Gehäuse spürt.
Gasthaus Seibl in Lochau von Juri Troy (Foto: Juri Troy)
Gasthaus Seibl in Lochau von Juri Troy (Foto: Juri Troy)
Gegenwart statt Kitschromantik
Atelier und Wohnung von Bernardo Bader in Bregenz (Fotos: Adolf Bereuter, Dornbirn)
Atelier und Wohnung von Bernardo Bader in Bregenz (Fotos: Adolf Bereuter, Dornbirn)
Man könnte erwarten, dass das überschaubare Repertoire an moderner Architektur, die gerne salopp mit dem Kistenattribut deklariert wird, eine einfallslose Monotonie erzeugt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Einfachheit der bis in abgelegene Winkel verbreiteten Interventionen wirkt wie ein anregendes Gegengift. Man freut sich über jede gerade Latte, jede scharf geschalte Kante, jede Isolierglasscheibe ohne falsche Sprosse – und die Abwesenheit von närrischer Farbe, wenn man durch die Dörfer stromert. Architektur ist Hintergrund, definierte Hermann Czech einmal die Bedeutung des Bauens. Hier wird sie zum kulturellen Gerüst.
Und man beneidet die Architekten um ihre Bauherren, die bei ihnen angemessene, klare Räume und solides Handwerk bestellen. Denn ohne Akzeptanz in der Gesellschaft wäre diese Baukultur nicht möglich.
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