Konstruktive Experimente gehören immanent zu Architektur und Ingenieurbau. Das Experiment lässt sich zwar vordergründig im "Erfolg" bewerten, wichtiger ist die Erkenntnis. Das aktuelle Beispiel einer mehrfach gekrümmten Ziegelschale aus ebenen Fertigteilen erinnert daran, dass kommerzielle Verwertung nicht oberstes Kriterium für die Weiterentwicklung des Bauens sein kann. Eine faszinierende Konstruktionstypologie nähme Schaden.
(Bild: KGBauko, Christian Biermann)
Die "Möwe" wurde von Eladio Dieste 1976 als Tankstellendach mit einer Ziegelschale gebaut. Nach seinem Tod 2000 wurde sie in Salto transloziert und dient seitdem als "Denkmal" für Dieste. (Bild: Wiki commons, Tano 4595, 2005)
Die "Möwe" wurde von Eladio Dieste 1976 als Tankstellendach mit einer Ziegelschale gebaut. Nach seinem Tod 2000 wurde sie in Salto transloziert und dient seitdem als "Denkmal" für Dieste. (Bild: Wiki commons, Tano 4595, 2005)
Rafael Guastavino, Union Station in Pittsburgh, 1903 (Bild: Wiki Commons, Derek Ramsey)
Rafael Guastavino, Union Station in Pittsburgh, 1903 (Bild: Wiki Commons, Derek Ramsey)
"Möwe", Tanzschule, Bahnhof
Man denkt auch an den venezolanischen Architekten Ricardo Porro, der 1961 im Auftrag Fidel Castros in Havanna eine Tanzschule baute, eine wahre Ziegelschalen-Orgie, aus kuppel- und tonnenförmigem, katalanischem Gewölbemauerwerk – siehe > hier.
Erinnert sei auch an Rafael Guastavino, der die traditionelle katalanische Ziegel-Bauweise Ende des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika mitbrachte und als »Guastavinisches System« patentieren ließ. Er baute dort unter anderem das Gewölbe der Union Station, Pittsburgh.
Fernando Higueras: Antonio López Torres Museums in Tomelloso, Spanien (Bild: Wilfried Dechau, 1990)
Fernando Higueras: Antonio López Torres Museums in Tomelloso, Spanien (Bild: Wilfried Dechau, 1990)
Das Schalenexperiment auf dem Gelände von Deppe Backsteinkeramik (Bild: Christian Bierwagen)
Das Schalenexperiment auf dem Gelände von Deppe Backsteinkeramik (Bild: Christian Bierwagen)
Das Experiment
Mit Schalenbauten lassen sich große Spannweiten mit geringstmöglichem Materialaufwand erreichen. Das lässt sich – gerade bei kuppelartigen Schalen – besonders beeindruckend am Verhältnis der Schalendicke zum Krümmungsradius darstellen. Und richtig schön anschaulich wird so eine Verhältniszahl, wenn man sie mit der Kalkschale eines Hühnereis vergleicht (Dicke zu Krümmungsradius = 55). Die Edelstahlschale der von Mike Schlaich entworfenen Fußgängerbrücke in Ditzingen (siehe > hier) kommt auf einen Wert von etwa 330, das heißt, sie ist im Verhältnis sechsmal dünner als die eines Hühnereis. Das lässt sich kaum toppen. Weder mit Beton noch mit Ziegelsteinen. Die 1922 von Walter Bauersfeld für Zeiss Jena gebaute Stahlbetonkuppel kam auf einen beachtlichen Wert von 266. Die halbkugelförmige Netzwerkschale hatte eine Spannweite von 16 Metern, Radius 8 Meter, Schalendicke 3 cm (!). Eladio Diestes Ziegelschalen für einen Getreidesilo in Young, Uruguay, kommen immerhin auf einen Wert von 73 und sind damit immer noch im Verhältnis dünner als die Schale eines Hühnereis.
Aus diesen Werten lässt sich ablesen, wie materialsparend mit (gleichsinnig oder gegensinnig) doppelt gekrümmten Schalen gebaut werden kann. Heute muss man sagen: gebaut werden könnte. Baukosten lassen sich heute vor allem durch Einsparungen bei der Arbeitszeit verringern, nicht durch Einsparungen beim Material. So elegant und leicht Schalenbauten auch immer wirken, sie herzustellen ist zeitaufwendig. Unter anderem deshalb, weil Hilfskonstruktionen gebaut und eingeschalt werden müssen. Also macht es Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, wie man dem entgegenwirken kann, sprich: Wo man Zeit einsparen kann. Félix Candela und Ulrich Müther nutzten die Geometrie der Hyparschalen, die das Einschalen mit normalen, geraden Brettern ermöglicht. Heinz Isler ging das Problem bei seinen Betonschalen unter anderem durch wieder verwendbare, standardisierte Schalungselemente an. Aber ohne Hilfskonstruktionen und Schalung kamen alle drei nicht aus.
Ziegelvarianten und Aufbau des bewehrten Fertigteil-Elementes (Bild: KGBauko, Alexander Pick)
Ziegelvarianten und Aufbau des bewehrten Fertigteil-Elementes (Bild: KGBauko, Alexander Pick)
Das Lehrgerüst (Bild: Alexander Pick)
Das Lehrgerüst (Bild: Alexander Pick)
Blick auf die Ziegelschale (Bild: Christian Bierwagen)
Blick auf die Ziegelschale (Bild: Christian Bierwagen)
Das ist es mir wert
- 1DBZ 12/2020, Seite 59; Detail, 6/2019
- 2 Druckfrisch: Matthias Beckh, Juan Ignacio del Cueto Ruiz-Funes, Matthias Ludwig, Andreas Schätzke , Rainer Schützeichel: Candela Isler Müther. Positions on Shell Construction. Positionen zum Schalenbau. Posturas sobre la construcción de cascarones. 208 Seiten, ISBN: 9783035620962, 59,95 €. Ich war am Zustandekommen des Buches nicht unbeteiligt, zumal mit meinen Fotodokumentationen über Ulrich Müthers Bauten, vom »Ahornblatt«, Berlin bis zum »Teepott« in Warnemünde. Auch daraus erklärt sich, warum ich sofort auf die Beiträge in der DBZ und bei Detail aufmerksam wurde.
- 3Die nächste Candela-Isler-Müther-Tagung hätte längst an der ETHZ stattfinden sollen, wurde wegen Corona jedoch schon zwei Mal vertagt.