Jörg Schilling: Martin Elsaesser – Baukunst zwischen den Zeiten. Deutsch/Englisch, 288 Seiten mit etwa 300 Abbildungen, av Edition Stuttgart 2025, ISBN 978-3-89986-441-0, 59 Euro
Jörg Schilling: Martin Elsaesser – Baukunst zwischen den Zeiten. Deutsch/Englisch, 288 Seiten mit etwa 300 Abbildungen, av Edition Stuttgart 2025, ISBN 978-3-89986-441-0, 59 Euro
Die Stuttgarter Markthalle, 1912-13 gebaut (Bild: aus dem besprochenen Band)
Die Stuttgarter Markthalle, 1912-13 gebaut (Bild: aus dem besprochenen Band)
Das Buch verschweigt dabei nicht, dass Elsaessers stilistische Bandbreite gelegentlich auch skurrile Blüten trieb. Das kolossale Brucknersymphoniehaus mit Platz für siebentausend Besucher, das der Brucknerfan 1943/44 für Linz ersann, scheint eher nach Gotham City als in die „Führerstadt“ zu passen, trotz der Vorliebe der Nazis für architektonischen Bombast. Aus dem Plan wurde aber nichts. Das moderne Gegenstück zu dem hypertrophen Musiktempel ist der Einfall, den Landtagsneubau in Stuttgart, gerastert und stocknüchtern wie alle Nachkriegsarchitektur, in die Ruine des Neuen Schlosses einzufügen. Zum Glück blieb auch dieser gruselige Wettbewerbsentwurf aus den 1950er Jahren unrealisiert.
Die evangelische Kirche in Stuttgart-Gaisburg, 1910-1913 (Bild: aus dem besprochenen Band)
Die evangelische Kirche in Stuttgart-Gaisburg, 1910-1913 (Bild: aus dem besprochenen Band)
Martin Elsaesser (1884-1957) (aus dem besprochenen Band)
Martin Elsaesser (1884-1957) (aus dem besprochenen Band)
Am Main, wo Elsaesser die Leitung des Hochbauamts übernahm, lief er wieder zu ganz großer Form auf. Er baute heute noch größtenteils erhaltene Schulen, Wohnhäuser, ein Hallenbad, das Gesellschaftshaus Palmengarten, ein Krankenhaus und – sein chef-d’oeuvre – die monumentale Großmarkthalle. Mit 220 Metern Länge und 50 Metern Breite war sie zu ihrer Entstehungszeit der größte Gebäudekomplex der Stadt und konstruktiv das am weitesten gespannte massive Flächentragwerk weltweit, errichtet in nur zwei Jahren. Seinem Kollegen, dem Stadtbaurat Ernst May war die „Gemieskerch“ (Gemüsekirche), wie die Frankfurter sie nannten, mit ihren Backsteinfassaden und den wuchtigen Kopfbauten dennoch im Erscheinungsbild nicht puristisch genug. Kompetenzrangeleien und eine Mobbingkampagne innerhalb der Verwaltung, an der sich auch die örtliche Presse mit Hingabe beteiligte, führten schließlich dazu, dass die Frankfurter Jahre für Elsaesser 1932 trotz allem enttäuschend endeten. Doch erst vor Kurzem fragte die „Frankfurter Rundschau“, „wer wen wohl stärker geprägt hat, der Architekt das ‚Neue Frankfurt’ oder das ‚Neue Frankfurt’ (...) den Architekten“.
Gesellschaftshaus Palmengarten in Frankfurt, 1929 (Bild: aus dem besprochenen Band)
Gesellschaftshaus Palmengarten in Frankfurt, 1929 (Bild: aus dem besprochenen Band)
Damit nahm er die Kritik sehr viel späterer Vordenker wie Charles Jencks oder Rem Koolhaas vorweg, die in der radikalen Ablehnung der Geschichte und der unsinnlichen Formensprache des International Style den Grund für das Versagen der Moderne sahen. Anders gesagt: Jetzt erst, nachdem die ideologischen Stildebatten sich erledigt haben, befindet sich Elsaesser mit seiner Haltung des entschiedenen Sowohl-als-auch auf der Höhe der Zeit. Mit seiner zu Lebzeiten unzeitgemäßen Forderung, dass Architektur nicht nur zweckdienlich zu sein habe, sondern auch emotionale Bedürfnisse, den Geist und das Gemüt ansprechen müsse, erscheint er aus heutiger Sicht als der wahre Moderne. Die Monografie über ihn kommt darum genau zur rechten Zeit.