Palette als Mittel, um subversive Ziele zu verfolgen: „Parklet“ für eine autofreie Stadt in Kansas City: Bild: flickr.com/zflanders
Dieses Transportelement der Logistikbranche wird seit den 1990er Jahren vermehrt in Low-budget- und Graswurzelprojekten eingesetzt und avancierte mithin zum Symbol prekärer, urbaner Kreativität. Typische Orte für die Entstehung von Projekten, die sich EPAL-Paletten architektonisch und künstlerisch zunutze machen, sind zeitweise ungenutzte, vernachlässigte, doch öffentlich zugängliche Räume, wie innerstädtische Brachflächen. Diese entstehen etwa, wenn sich marktwirtschaftliche Entscheidungsfindungen hinziehen oder die politische Macht wechselt. Bezeichnend dafür ist der Übergangszustand Berlins nach dem Mauerfall oder das Gefüge von Belgrad und Zagreb nach dem Ende Jugoslawiens. In Berlin, der ewig unfertigen Stadt, „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“, wie Karl Scheffler bekanntermaßen schon 1910 berichtete, scheint das besonders sinnfällig.
Subkulturelle Gegenposition
Urban Gardening mit Palette: Allmende Kontor, Tempelhofer Freiheit, Berlin. Bild: flickr.com/onnola
Urban Gardening mit Palette: Allmende Kontor, Tempelhofer Freiheit, Berlin. Bild: flickr.com/onnola
Obwohl diese Projekte unter höchst diversen Bedingungen entstehen – abhängig von Kontext, Methode und Format – , spielen Strategien der Partizipation gewöhnlich eine zentrale Rolle sowohl im Gestaltungsprozess als auch nach dessen Abschluss. Die soziale Interaktion rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wodurch sich eine neue Bildsprache in den korrespondierenden Projektdokumentationen ergibt. Der aufgeklärte, engagierte Bürger wird auf szenische Weise zentraler Teil der Gesamtstruktur. Das soziale Programm ist nicht nur Teil der visuellen Identität der Projekte, sondern meist auch deren Raison d’être.
Im internationalen Kunstdiskurs spricht man dabei etwa von Socially engaged practice, Activist art, Community art oder New genre public art. Diese Strategien beschäftigen sich vorwiegend mit relationalen Taktiken, also der Verbindung von menschlichem Handeln und raumbildender Materie. Die Urheberschaft der Künstler*innen hat dabei nur eine katalytische Funktion – eine Gegenposition zum altbewährten Verständnis des Kunstwerks als autonomes, selbstreferenzielles Objekt, präsentiert in White cube Räumen.
Die Palette als Ausdruck für Social Design: Ausstellung "Think Global, Build Social! Bauen für eine bessere Welt" im Deutschen Architekturmuseum 2013. Bild: Uwe Dettmar/DAM
Die Palette als Ausdruck für Social Design: Ausstellung "Think Global, Build Social! Bauen für eine bessere Welt" im Deutschen Architekturmuseum 2013. Bild: Uwe Dettmar/DAM
In den vergangenen Jahren hat sich eine solche sozial-engagierte Praxis auch in der internationalen Architekturszene auffällig vermehrt. Im dazugehörigen Architektur- und Städtebaudiskurs wird diese Entwicklung jüngst als Teilphänomen einer breiteren Tendenz, einer sozialen Wende in der Architektur verstanden.
Auf dem Weg zum Imageträger
Palette heute. Vom schicken Anstrich des Subversiven bis zum Baumarktmöbel. Bilder: S. Meireis (o.); Philipp Rumpf
Palette heute. Vom schicken Anstrich des Subversiven bis zum Baumarktmöbel. Bilder: S. Meireis (o.); Philipp Rumpf
Die dabei entstehende DIY-Ästhetik wird wiederum von Stadtmarketingstrategen genutzt, um das Image der „kreativen Stadt“ gewinnbringend im Tourismussektor zu etablieren. Ein neuer Biedermeier-Stil im halb-öffentlichen Raum ist entstanden: Unter dem Deckmantel einer sozialromantischen Verklärung machen Cafés, Hotels und andere kommerzielle Anbieter Gebrauch von der scheinbar niedrigschwelligen EPAL-Außenmöblierungen, um ihre ausgemachten Zielgruppen anzuziehen. Das einst Offen-Provisorische beginnt sich zu wandeln. Die EPAL-Palette wird dabei zur Protagonistin in einem neuen Lehrstück vom kapitalistischen Realpragmatismus; sie ist von der sub-kulturellen Basis zur Ware aufgestiegen.
Das ist es mir wert
- 1UIC steht für Union Internationale des chemins de fer — Internationaler Eisenbahnverband